Was sind Stolpersteine?

Stolpersteine erinnern an einen Menschen, der Opfer der nationalsozialistischen Diktatur geworden ist. Die kleinen Messingquadrate werden vor der letzten selbst gewählten Wohnstätte in das Pflaster des Bürgersteigs eingelassen. Indem Passanten über diesen Gedenkstein „stolpern“ und die Inschrift lesen, werden sie auf das Schicksal des Menschen aufmerksam, der diesen Ort gegen seinen Willen verlassen musste und ermordet wurde oder in den Freitod flüchtete.

Seit über zwanzig Jahren hat der Künstler Gunter Demnig, der dieses Kunstprojekt begründet hat und seitdem betreut, ca. 70.000 Steine in mehr als zwanzig Ländern verlegt. Es handelt sich um das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

http://www.stolpersteine.eu/

 

Wie entwickelte sich das Stolpersteinprojekt in Moers?

 Der Rat der Stadt Moers stimmte 2011 mit großer Mehrheit der Stolpersteininitiative von „Erinnern für die Zukunft“ (EfZ) und der “Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“ (GCJZ) zu.

Zwischen 2013 und 2018 verlegten die GCJZ 57 Gedenksteine für jüdische Opfer und EfZ 35 Steine, überwiegend für Opfer des politischen Widerstands, einzelne auch für den religiös motivierten Widerstand (Zeugen Jehovas) und Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde.

Der politische Widerstand konzentrierte sich vor allem in den damaligen Arbeitervierteln Meerbeck, Hochstraß, Rheinkamp und der Mattheck. Dort sind zahlreiche Stolpersteine verlegt, vor allem für Menschen, die dem organisierten Widerstand von SPD, KPD und Gewerkschaften nahe standen.

Rechercheergebnisse zu den Opferbiografien von Widerstandskämpfern und Zeugen Jehovas wurden bereits 1994 in „Tatort Moers“ und 2008 in „Moers unterm Hakenkreuz“ veröffentlicht.

Zur Vorbereitung der Stolpersteinverlegungen wurde auch in den folgenden Jahren intensiv weitergeforscht.

Allen Moerser Todesopfern, die uns durch diese Untersuchungen namentlich bekannt sind, haben wir inzwischen einen Stolperstein gewidmet.

Mittlerweile ist unser Focus auf das Schicksal zahlreicher Moerser Bürger gerichtet, die den NS-Krankenmorden, der sogenannten „Euthanasie“, zum Opfer fielen.

Seit 2016 folgten erste Recherchen von zwei Mitgliedern unseres Vereins im Archiv Brauweiler des Landschaftsverbands Rheinland. Für den Altkreis Moers waren vornehmlich die Heil- und Pflegeanstalten in Bedburg-Hau und Düsseldorf-Grafenberg zuständig. Die Untersuchungsergebnisse wurden mit Meldekarten des Moerser Stadtarchivs abgeglichen. Für Moers sind bisher über 40 Opfer belegt, die tatsächliche Zahl liegt vermutlich deutlich darüber. Einige Fälle sind durch Krankenakten ausführlich dokumentiert, in vielen Fällen gibt es jedoch nur sehr wenige Informationen über die einzelnen Opfer, da die NS-Behörden auch gegenüber den Angehörigen die Tatsache des Mordes verschleierten.

Nach der Stolpersteinverlegung im Mai 2018 wurden mehrere Male Stolpersteine beschmiert und in einigen Fällen auch Hauswände, Garagentore etc. mit Neonaziparolen besprüht. Jedes Mal erhielten wir von Moerser Bürgern und in der Presse großen Zuspruch. Der Moerser Stadtrat erneuerte im September 2018 seinen Beschluss zur Unterstützung der Stolpersteine einstimmig in einer gemeinsamen Resolution.

Die Beschmutzungen von Stolpersteinen haben uns darin bestärkt, unsere Arbeit fortzusetzen. Die Erinnerung an Naziverbrechen, das Eintreten gegen jegliche Art der Diskriminierung und Verfolgung von Minderheiten, für Toleranz und Mitmenschlichkeit erscheinen uns immer dringender.

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Moers

Filme und Unterrichtsmaterial zu Stolpersteinverlegungen in Moers:

https://erinnernfuerdiezukunft-moers.de/filme-zu-stolpersteinlegungen/

Berichte über Stolpersteinverlegungen in Moers:

Pausewang Moerser Monat als PDF

https://erinnernfuerdiezukunft-moers.de/stolpersteinverlegung-2018-in-moers/

https://erinnernfuerdiezukunft-moers.de/stolpersteine-in-moers-2017/

https://erinnernfuerdiezukunft-moers.de/stolpersteine-2015/

https://erinnernfuerdiezukunft-moers.de/stolpersteine-2014/

Literaturangaben zu „Tatort Moers“ und „Moers unterm Hakenkreuz“:

https://erinnernfuerdiezukunft-moers.de/literatur/

 

Worin besteht unsere weitere Arbeit? 

Es liegt eine Liste von mutmaßlichen Opfern der Krankenmorde vor. Aus dieser wird

für jede Stolpersteinverlegung eine Auswahl getroffen.

Die bisher vorliegenden Informationen über NS-Opfer müssen überprüft und möglichst durch weitere Recherche ergänzt werden. Außerdem gilt es, Nachfahren zu finden und mit ihnen in Kontakt zu treten.

Jede einzelne Stolpersteinverlegung wird durch eine schulische Lerngruppe, z.B. eine Schulklasse, einen Oberstufenkurs, eine Religionsgruppe, vorbereitet. Wir arbeiten mit Schulen unterschiedlicher Art zusammen, von Grundschulen bis zu Berufskollegs.

Wir nehmen Kontakte zu Schulen und Lehrern auf, stellen Material zur Verfügung usw. und streben Schulpartnerschaften an.

Bei der Vorbereitung der Stolpersteinverlegung ist außerdem die Zusammenarbeit mit Gunter Demnig und seinen Mitarbeiterinnen, mit ENNI („Energie Niederrhein“, städtisches Dienstleistungs- und Versorgungsunternehmen) und der Polizei wichtig. Wir sprechen Musiker an, denn jede Verlegung wird musikalisch begleitet. Dazu kommen die Information der Nachbarn und Hausbewohner, der Presse und der Öffentlichkeit, z.B. durch Flyer.

Fotos und Filmaufnahmen dokumentieren die Aktion.

Es wurden bereits pädagogische Handreichungen zu zwei Filmen auf unsere Webseiten gestellt. Weitere könnten folgen.

Ein neues Projekt besteht darin, die Biografien der Menschen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden, aufzuschreiben und so für die Nachwelt zu sichern. Die mit Bildmaterial und Dokumenten aufbereiteten Biografien sollen später im Pädagogischen Zentrum im renovierten ALRA (Altes Landratsamt) der Öffentlichkeit, insbesondere Schüler*innen und Lehrer*innen zugänglich gemacht werden.

Für die große Anzahl der bereits verlegten Steine benötigen wir Hilfe bei der Pflege – die Messingschicht muss regelmäßig gereinigt werden, damit sie deutlich sichtbar bleibt.

Für all diese Aktivitäten suchen wir Menschen, die uns unterstützen und mit uns diesen  wichtigen Teil der Erinnerungskultur pflegen.

 

Was versteht man unter „Krankenmorden“?

Der während des Nationalsozialismus verwendete Begriff „Euthanasie“ bedeutet im Wortsinn „guter Tod“. Damit sollte die Tatsache verdeckt werden, dass Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen seit dem Beginn des  Zweiten Weltkrieges systematisch ermordet wurden. Pflegeheime für psychisch oder geistig Kranke wurden zu Lazaretten. Aus kriegswirtschaftlichen Erwägungen und unter dem Einfluss der Eugenik („lebensunwertes Leben“)  wurden Pläne zu massenhaftem Krankenmord entwickelt.

Als erste, zentrale Tötungsmaßnahme fand die „Aktion T4“ zwischen Januar 1940 und August 1941 statt. Sie ist nach dem Sitz der damals zuständigen Behörde in Berlin, Tiergartenstr. 4, benannt. Im Rahmen von „T4“ wurden  Menschen aus Heil- und Pflegeanstalten, wie z.B. Bedburg-Hau,  in zentrale Anstalten „verlegt“. Dort tötete man sie noch am selben Tag durch Gas oder Giftspritzen. Oft wurden sie zuvor in andere Anstalten gebracht, u.a., um Spuren zu verwischen. Die Sterbeurkunden enthielten gefälschte Todesdaten, Ortsangaben und Todesursachen. Über 70.000 Menschen wurden so in einer ersten Phase ermordet.

Nachdem es in der Öffentlichkeit, vor allem bei betroffenen Eltern und Kirchenvertretern, zu Protesten gekommen war, wurde die „Aktion T4“ auf Anordnung Hitlers beendet.

Die Morde wurden jedoch mit anderen Organisationsformen fortgesetzt.

Diese dezentralen Krankenmorde (sogenannte „wilde Euthanasie“) geschahen nun  in den Heilanstalten selbst durch Maßnahmen, die von Ärzten, wie Psychiatern und Kinderärzten, Pflegern und Krankenschwestern durchgeführt wurden. Der Tod wurde durch Gift, Nahrungs- und Medikamentenentzug und Vernachlässigung bei der Pflege herbeigeführt. Damit die Angehörigen der Kranken möglichst wenig über die Umstände des Todes erfuhren, transportierte man die Opfer in weit entfernte Heilanstalten, wo sie ermordet wurden.

Krankenbesuche durch Verwandte wurden so, insbesondere unter Kriegsbedingungen, fast unmöglich. Die Toten wurden eingeäschert, um alle Spuren zu beseitigen.

Insgesamt muss man nach heutigem Wissensstand von über 200.000 Krankenmorden ausgehen.

Unser Arbeitskreis „Euthanasie“ beschäftigt sich intensiv mit diesem Thema:

https://erinnernfuerdiezukunft-moers.de/verein/unsere-arbeitskreise/ns-euthanasie/